Auf einem Fotografie-Workshop für Hobby-Fotografen im letzten Jahr stellte Phase One für  interessierte Teilnehmer ihre neue Profi-Kamera Phase One XT mit verschiedenen Rodenstock Objektiven zum Testen zur Verfügung.

Phase One XT Kamera

Mehr noch, sie stellten in Aussicht, dass diese Workshop-Teilnehmer solch eine Kamera je nach Terminplanung sogar für eine mehrtägige Teststellung erhalten könnten. Direkt nach Ostern war dies tatsächlich der Fall: ich erhielt auf Nachfrage eine Phase One XT Kamera mit dem neuen IQ4 150Mpix Back und dem Rodenstock HR Digaron – S32mm F4 Objektiv für eine Woche zum Testen!

Bisher hatte ich mit einer Canon 5D Mark III im Vollformat fotografiert  und war dann aus Gewichts- und Platzgründen auf eine Panasonic DC-G9 im MFT Format umgestiegen. Bei meinen bisherigen Ausstellungen, wo ich meine Bilder als FineArt Print selber auf einem Epson Stylus PRO 4900  druckte, konnte ich nach entsprechender Druckaufbereitung selbst bei schwierigen Lichtsituationen kaum einen qualitativen Unterschied zwischen diesen beiden Systemen feststellen. Die Panasonic DC-G9 hat wegen ihrer kleineren Sensorpixel und wegen des Verzichts auf einen Tiefpassfilter die Nase vorne, wenn es um feine Details wie bei Landschaftsaufnahmen, Architekturbildern oder Makros geht, während eine Vollformatkamera je nach Sensortechnik bei Dynamikumfang und Rauschfreiheit punktet.

Das IQ4 150Mpix Back hat einen CMOS (BSI) Sensor im Format 4×3 (wie MFT) und ist 53,4 x 40 mm groß mit 14204 x 10652 Pixeln. Damit ist die Pixelgröße mit 3,75µm zwar nur etwas größer als beim Panasonic DC-G9 Sensor (3,34µm), aber neuere Technik mit rückwärtiger Beleuchtung versprechen eine deutlich bessere Bildqualität und höhere Lichtempfindlichkeit. Der Cropfaktor des IQ4 Sensors beträgt 0,65 gegenüber einem Vollformat Sensor. Damit entspricht das an der XT bereitgestellte 32mm Objektiv einem 21mm Vollformat Objektiv.

Vorbereitend zur Teststellung habe ich mir das XT Camera System Manual V1.1 Benutzerhandbuch (September 2020) von der Phase One Support Seite heruntergeladen. Ich war angenehm überrascht, dass es nur einen Umfang von 85 Seiten hatte, die zudem nicht alle für mich relevant waren. Dadurch konnte ich es leicht im Schnelldurchgang lesen. Die Kamera verfügt nur über eine manuelle Fokussiereinrichtung. Da ich auch bei meiner Kamera überwiegend manuell fokussiere, entspricht dies meiner vertrauten Arbeitsweise. Auch die weiteren Bedienoptionen der Phase One XT Kamera waren schnell nachvollziehbar, sodass ich mit Beginn der Teststellung sofort loslegen konnte (zum Vergleich: die DC-G9 Bedienungsanleitung umfasst aktuell 373 Seiten). Hilfreich für meine anschließenden Tests war auch, dass mein Standard-Raw-Entwickler Capture One von Phase One ist.

Beeindruckende Optik/Sensortechnik: 15 F-Stops Dynamik Umfang, 150 Megapixel Auflösung

Der 15 F-Stop Dynamik Umfang wird von Phase One nur für ihr unkomprimiertes  IIQ L 16 Extended Raw File Format angegeben. Es gibt auch weitere Raw File Formate mit Komprimierung  oder reduziertem Bit-Umfang und kleineren Dateigrößen, aber wer will bei solch einer Kamera freiwillig auf die höchste Qualität verzichten? Verglichen mit meiner DC-G9 Kamera mit 11 F-Stop Dynamik Umfang bedeuten diese 4 zusätzlichen F-Stops, dass ich mit jeder Phase One Aufnahme quasi das Äquivalent einer automatischen 5 x +1 Stop Belichtungsreihe oder einer manuellen 3 x +2 Stop Belichtungsreihe der DC-G9 erhalte. Gegenüber Vollformat Kameras mit einem größerem Dynamik Umfang von 13 F-Stops schwächt sich dieser Vorteil etwas ab.

Mit der Phase One Kamera fällt es mir deshalb leicht, direkt in einen Sonnenuntergang hinein zu fotografieren, ohne dass ich dafür auf eine HDR-Technik mit einer Belichtungsreihe zurückgreifen muss.

Die Raw-Entwicklung in Capture One erfolgt in diesem Fall sehr einfach, da ich kein externes HDR-Programm für die Verarbeitung einer Belichtungsreihe in meinen Worflow einbinden muss und Farbwerte und Kontraste in Capture One somit optimal angepasst werden können.

Ich habe gegenüber einer Belichtungsreihe auch nicht mit Bewegungsunschärfen zu kämpfen.

Sowohl die Aufnahme wie die Enwicklung gelingen ‚profihaft‘ schnell mit richtig guten Farben und feinen Details.

 

no images were found

Die 150 Megapixel Auflösung der Raw Dateien ermöglichen zudem eine elegante einfache Panorama-Erstellung. Das Beispielbild der Eisbachwelle hat ein 5 x 2 Panoramaformat mit 12500 x 5000 Pixeln. Es wird einfach passgenau aus einer normalen Phase One XT Aufnahme ausgeschnitten und kann in Capture One sofort entwickelt werden. Mein bisheriger Worflow sieht für solche Panoramaaufnahmen das Zusammenfügen (Stitchen) von mehreren hochkant aufgenommenen und überlappenden Bilder vor, je nach Motiv eventuell sogar noch mit Belichtungsreihen. Bei HDR-Panoramen kommen da leicht 15 oder mehr Bilder zusammen mit allen dabei entstehenden Problemen (Parallaxen, Bewegungen, Lichtänderungen, …).

Dieses Eisbach-Motiv mit den sich bewegenden Wellen dürfte beim Zusammenfügen von Bildern mit Normalauflösung eine ziemliche Herausforderung sein!

Bei meinen Erkundungen mit dieser hochauflösenden Kamera fiel mir noch ein weiterer Aspekt auf, der speziell für mich als Hobby-Fotograf nützlich ist: diese Megapixel-Bilder bieten hervorragende Möglichkeiten, im Nachhinein mit diversen Bildausschnitten zu spielen und Effekte zu erkunden. Man kann in verschiedene Ansichten stark hineinzoomen und Auswirkungen unterschiedlicher Bildformate ausprobieren.  Dabei erhält man immer noch Aufnahmen mit hoher Auflösung und kann im Motiv manche Überraschung erleben!

Phase One XT Testbild

Bei diesem Bild links waren Lichtreflexe an einer Wasserstelle zu sehen, allerdings war noch nicht absehbar, wie sich dies auch optisch auswirken würde.

Beim Hineinzoomen in den gelb markierten Bildausschnitt tauchte plötzlich ein unerwartetes Weihnachtskartenmotiv im Frühling auf. Die Auflösung dieses Ausschnittes beträgt immer noch 3111 x 2333 Pixel.

Phase One XT: Arbeiten mit Shift-Bewegungen

Bei meinen bisherigen Kameras hatte ich noch nicht mit Shift-Objektiven gearbeitet, da diese entweder nicht verfügbar oder aber für den Hobby-Bereich finanziell nicht attraktiv waren. Auch hatte ich den Einsatzbereich bisher vorwiegend für die Perspektivkorrektur stürzender Linien bei Phase One XT Objektiv-BildkreiseArchitekturaufnahmen gesehen. Phase One XT Back AnsichtUmso überraschter war ich bei meinen Testaufnahmen, dass ich nach kurzer Zeit Shift-Bewegungen bei fast jeder Aufnahme einsetzte. Das lag im wesentlichen daran, dass an der Phase One XT Kamera nicht das Objektiv relativ zum Sensor bewegt wird sondern der Sensor in einem größeren festen Objektiv-Bildkreis.

Das XT-Rodenstock HR 32 mm f/4 Objektiv hat dabei einen 90mm Bildkreis (hier gelb gezeichnet). Der Sensor kann bei diesem Objektiv innerhalb des gestrichelten Rechtecks und innerhalb des gelben Bildkreises sowohl vertikal wie auch horizontal um bis zu jeweils +-12mm verschoben werden. Dazu werden die Shift-Einstellräder entsprechenden gedreht.

Die Größe des Objektiv-Bildkreises ist abhängig vom Objektiv. Das in der Teststellung verwendete 32mm Objektiv hat mit 90mm einen großen Bildkreis, bei dem man den 12mm Shiftbereich in jede Richtung voll nutzen kann (mit Ausnahme der gestrichelten Ecken außerhalb des gelben Kreises). Bei meinen Aufnahmen verwendete ich fast immer ein Stativ und richtete die Kamera mit der Wasserwaage (virtueller Horizont) zuerst horizontal und meist auch vertikal aus. Die Feinjustierung des Bildausschnittes (horizontal und vertikal) führte ich dann immer mit den Shift-Einstellrädern durch. Das war extrem komfortabel.

Mit dem vertikalen Shift bewegte ich den Bildausschnitt nach oben oder unten, ohne stürzende Linien zu erzeugen. Der horizontale Shift justierte den Bildausschnitt nach, ohne dass ich das Stativ dafür bewegen oder neu ausrichten musste.

Der horizontale Shift ermöglicht auch zwei parallaxenfreie Panorama-Aufnahmen zum Stitchen. So kann man mit nur 2 Aufnahmen ein 20580 Pixel breites Panorama in Hochauflösung erzeugen. Dies habe ich aber aus Zeitgründen nicht ausprobiert.

Den Effekt der hier eingesetzten Shift-Technik kann man technisch auch folgendermaßen beschreiben. Das 32mm Objektiv ermöglicht prinzipiell die Belichtung eines 348 Mpix Sensors der Größe 77,4 x 64 mm (oben gestrichelt in der Grafik dargestellt, unter Vernachlässigung der Ecken). Aus diesem theoretisch größeren Sensor bildet die Kamera mittels Shift einen 150 Mpix großen Ausschnitt ab. Der theoretisch größere Sensor ermöglicht für das Objektiv bei 32mm Brennweite einen Bildwinkel von 115° diagonal. Ein Vollformatsensor benötigt für den gleichen Bildwinkel ein Objektiv mit 14mm Brennweite. Mittels horizontalem und vertikalem Shift kann man mit diesem 32mm Objektiv also ein parallaxenfreies knapp 348 Mpix Bild erstellen, welches vom Bildwinkel einem 14mm Vollformat-Weitwinkelbild entspricht.

Automatisches Frame Averaging als Graufilter-Äquivalent

Die Phase One XT besitzt eine weitere Besonderheit, die speziell bei der Landschaftsfotografie komfortabel nutzbar ist: sie simuliert Langzeitbelichtungen, indem sie kontinuierlich aufgenommene Kurzzeitbelichtungen kameraintern überlagernd verrechnet (Frame Averaging).

Phase One XT: Frame Averaging Panel

Dazu stellt man zuerst die Belichtungszeit, die Blende und die ISO-Zahl an der Kamera ein und überprüft mittels Kontrollaufnahmen die korrekte Auslichtung des Bildes.

Dann stellt man die gewünschte Langzeit-Aufnahmezeit ein.

Die Phase One XT nimmt während der eingestellten Langzeit-Aufnahmezeit kontinuierlich Einzelbilder im Serienmodus auf und verrechnet diese sofort kameraintern zu einem einzigen Rawformat-Langzeitbild. Die maximale Anzahl der dabei gemittelten Einzelbilder ist nur abhängig von der Sensor-Auslesezeit und der benögten Rechenzeit, die zusammen etwa bei 0,22 Sekunden pro Einzelbild liegen. Ist die eingestellte Einzelbild-Belichtungszeit größer als diese 0,22 Sekunden Auslesezeit, bestimmt wie im abgebildeten Screenshot die Einzelbild-Belichtungszeit die Anzahl der gemittelten Einzelbilder. Ist die Einzelbild-Belichtungszeit kürzer als die aufgeführte Sensor-Auslesezeit, so bestimmt die Sensor-Auslesezeit die Anzahl der im Langzeitbild gemittelten Einzelbilder. Es werden maximal 275 Bilder pro Minute gemittelt.

 

Bei dieser Aufnahme in die untergehende Abendsonne wurde das Einzelbild auf 1/13 Sekunde Belichtungszeit bei Blende 16 und ISO 100 eingestellt und anschließend eine 10 Sekunden Langzeitbelichtung mittels Frame Averaging durchgeführt. Dabei wurden 45 Bilder ineinander verrechnet.

Will man bei einer Kamera die gleiche Langzeit-Aufnahmezeit mittels vorgesetztem Graufilter erreichen,  würde man bereits einen 7 F-Stop Graufilter benötigen. Neben der im Vergleich zum Frame Averaging erheblich aufwändigeren Graufilter-Handhabung hätte man auch mit Filter-bedingten Farbverschiebungen im Bild zu kämpfen.

Die Phase One XT Kamera bietet durch Frame Averaging Langzeitaufnahmen bis zu 60 Minuten an. Das ermöglicht zum Beispiel bei Architekturaufnahmen, dass sich bewegende Personen aus einer Szene herausgerechnet werden können. Dies ist bei weitgehend unbeweglichen Personen nicht so leicht möglich.

Phase One XT 100% Beispiel Frame Averaging

Dieser 100% Ausschnitt einer Panoramaaufnahme des Monopteros im Englischen Garten zeigt, dass eine 1-Minuten Langzeitbelichtung mittels Frame Averaging zumindest die genauen Konturen sitzender Personen etwas verwischen kann. Trotzdem hat mich hier überrascht, wie wenig sich die Personen innerhalb einer Minute offensichtlich bewegt hatten.

Phase One XT: Phase One Lab Erweiterungen in der Entwicklungsphase

Das Phase One Lab stellt vorab per Firmware Update und Menü-Aktivierung neue Feature im Beta-Stadium zur Verfügung. Momentan sind dies Dual Exposure+ und ETTR.

Bei Dual Exposure+ werden zwei Aufnahmen mit etwa 3-F-Stop Belichtungsunterschied schnell hintereinander mit elektronischem Shutter aufgenommen und zusamen in einer Raw Datei als Sonderformat gespeichert. Die Datei ist deshalb gut doppelt so groß wie eine normale Belichtungsaufnahme. In Capture One werden diese beiden Aufnahmen wieder zusammengesetzt, wobei speziell über die HDR-Regler ‚Schwarz‘ und ‚Schatten‘ die Schattenbereiche nachbearbeitet werden können. Als Resultat kann man den Dynamik-Umfang gegenüber einer normalen (schon guten) Aufnahme noch einmal etwas erweitern und das Rauschen in dunklen Bereichen reduzieren.

In der Teststellung habe ich dieses Feature nur gelegentlich ausprobiert, da die einzelne Raw Datei mit etwa 400 MB ziemlich groß wird und die Lichtsituation selten hinreichend umfangreich war. In diesen Fällen habe ich die normale Belichtungszeit um ca. 1 F-Stop reduziert, um sowohl Spitzlichter besser abzubilden als auch mit der  +3 F-Stops längeren zweiten Belichtungszeit die Schatten aufzuwerten. In Capture One waren für mich dabei nur sehr feine Verbesserungen in der 100% Ansicht sichtbar.

Bei dem ETTR Aufnahmemodus schaltet die Kamera in den aperture priority AV-Modus und belichtet automatisch so, dass die Spitzlichter im Histogram an den rechten Rand geschoben werden. Bei einem geringen Dynamik Umfang der Aufnahme (kleiner als 15 F-Stops) erhält man dadurch die bestmögliche Schattenabbildung bei gleichzeitigem Schutz aller Spitzlichter. Bei großem Dynamik Umfang der Motive erhält man dadurch allerdings eine Überbetonung der meist kleinen Spitzlichter bei gleichzeitiger Unterbelichtung der Schattenbereiche.

Beim Testen habe ich den ETTR Modus meist nur für eine Probeaufnahme benutzt. Damit wurde die Spitzlichter-Belichtungszeit eingestellt. Diese Belichtungszeit habe ich dann als Orientierung für die manuelle Reduktion der eigentlichen Belichtungszeit hergenommen.

Abschließende Anmerkungen zur Teststellung

Mein hier wiedergegebener Erfahrungsbericht ist keine labormäßige Auswertung und Bewertung der Kameraeigenschaften und Möglichkeiten der Phase One XT Kamera. Ich betrachte die Kamera auch nicht aus der Sicht eines Profifotografen und dessen Anforderungen und Arbeitsweisen. Ich beschreibe hier, was ich aus der Sicht eines engagierten Hobbyfotografen im Rahmen einer Teststellung mit dieser professionellen Kamera erfahren habe. Dabei habe ich lediglich manuelle Einzelbildaufnahmen gemacht, keine expliziten Serienbilder, Belichtungsreihen oder Intervallaufnahmen. Auch die Tethering-Möglichkeiten habe ich nicht genutzt.

Mir hat das Testen mit der Kamera viel Freude bereitet. Die Kamera ist sofort nach kurzem Handbuchstudium einfach und ergonomisch zu bedienen und unterstützt einen richtig effizienten Workflow. Die erzielte Qualität der Bilder ist sehr beeindruckend. Ihre Farbdarstellung, ihr Dynamikumfang und ihr Detailreichtum können in Capture One schnell und einfach herausgearbeitet und optimiert werden. Im Nachgang werde ich sicher noch das ein oder andere Bild als großen Fine Art Print im Eigendruck erstellen.

Leider bewegt sich die Kamera in einem Preissegment, welches eindeutig den Profibereich anspricht. Allerdings kann man heutzutage auch im Hobbybereich mit vorhandenem Equipment, entsprechendem Fach Know How und manchem guten Work Around sehr zufriedenstellende Ergebnisse erhalten.

 

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments